Pinas Reise

Foto, Mensch, Text

Helles Kinderlachen klingt aus der Ferne, aber die fünfzehn Holzroller, die auf den Zuschauer zufahren sind in der Bewegung erstarrt. „Musée sentimental” nennt das Haaner Künstlerpaar Güdny und Wolfram Schneider-Mombaur seine Installationen, in denen sie sich mit Erinnerungsspuren beschäftigen. „Wir hatten diese Idee kurz nach Pina Bauschs Tod. Da ich genau wie Pina aus Solingen stamme, lag es nahe, an den Ort ihrer Kindheit zurückzugehen.” Im Hintergrund steht ein raumhohes Schwarz-Weiß-Bild von der Eckkneipe der Familie Bausch, davor entspannt sich eine angedeutete trapezförmige Bühne, auf der die Roller eine spielerische Formation bilden. Auf der Suche nach einem geeigneten Raum, um ihre Installation zu präsentieren, ergab sich die Verknüpfung mit einer musikalischen Lesung im Kunstmuseum Solingen, zu der der Pina-Bausch-Freundeskreis Solingen am Samstag Abend die langjährige Tänzerin des Ensembles, Regina Advento, mit ihrer Band eingeladen hatte und den Soziologen Prof. Tilman Allert aus Frankfurt, der zur Zeit an einer Biographie der 2009 verstorbenen Choreographin arbeitet.

Güdny Schneider-Mombaur und ihre Installation, die an Pina Bauschs Kindheit erinnert. Foto: Daniela Tobias

Güdny Schneider-Mombaur und ihre Installation, die an Pina Bauschs Kindheit erinnert. Foto: Daniela Tobias

Weniger das lärmende Wirtshaus aus Pinas Kindheit denn das Format des bürgerliche Salons wurde an diesem Abend wiederbelebt. Versammelt war die Wehmut derjenigen, die Pina Bausch 2009 so unerwartet plötzlich zurückließ und die nun ihre Erinnerungsstücke zusammentrugen, sei es in Bildern, Liedern oder Gedanken. Vor 200 Besuchern, zwischen dem fragenden Blick des fragmentierten Georg Meistermann an der Rückseite des Saals und den zwei selbstvergessen Tanzenden von Milly Steger in ihrem Glaskubus neben der Bühne, stimmte zuerst Regina Advento mit ihrer fünfköpfigen Band Stücke der kanadischen Sängerin K. D. Lang an, aber auch südamerikanische und jazzige Klänge, die oft Eingang in die Arbeiten von Pina Bausch fanden. Die zierliche Brasilianierin, die 1993 zum Wuppertaler Tanztheater kam, schwebte mit ihrer sanften dunklen Stimme über dem dichten Sound, der den Raum erfüllte. Hin und wieder erklärte Advento in knappen Worten die Auswahl der Lieder und ihre persönliche Beziehung zu der Mentorin. Für Besucherin Barbara Müller war der Anblick der Tänzerin, die hier zwischen Instrumenten und Mikrofonständer nur wenig Bewegungsfreiheit hatte, ungewöhnlich. „Ich habe einige Inzenierungen des Tanztheaters gesehen. Die Musik weckt Erinnerungen, aber natürlich fehlt etwas.“

Anne Grafweg, erste Vorsitzende des Freundeskreises, begrüßte die Gäste. Foto: Daniela Tobias

Anne Grafweg, erste Vorsitzende des Freundeskreises, begrüßte die Gäste. Foto: Daniela Tobias

Prof. Tilman Allert entschuldigte sich vorweg bereits dafür, dass sein folgender Vortrag nicht den unmittelbar intuitiven Zugang des „Schau mal“ bieten könne, aber er überspielte die erforderliche Anstrengung der analytischen Betrachtung mit manch lockerem Wortwitz. Er las aus dem Manuskript einer Biographie, die im kommenden Jahr erscheinen soll. Die Ausnahmekünstlerin Pina Bausch hatte schon früh das Interesse des Soziologen und Sozialpsychologen geweckt. „Pina, das Kneipenkind“ lautet eines der Kapitel, das sich mit den Voraussetzungen für die kreative Entwicklung der Künstlerin befasst. „Dass sich Pina abends statt ins Bett zu gehen lieber unter den Tischen des Wirtshauses versteckte, ist nicht bloß eine oft wiederholte Anekdote, sondern hatte eine affektive Dimension. Die Stuhlbeine wurden zur Siedlung, die verrenkten Menschenbeine entwickelten eine Sinnstruktur.“ Der Vater August Bausch, früher Fernfahrer, übernahm 1939 das Wirtshaus am Zentral und holte sich so die Welt an einen Ort. Für Pina ein Ort, an dem die Eltern zwar immer anwesend, aber nie richtig greifbar waren. Mit kaum fünf Jahren erlebte Pina das Kriegsende, das Ruinen zurückließ, zerbrochene Menschen, denen nur noch das Mechanische des körperlichen Auftritts blieb. „Nur die Improvisation konnte den Blick in die Zukunft öffnen“, erklärte Allert. Gleichzeitig erfuhr das tanzbegabte Nesthäckchen der Familie eine bedingungslose Förderung ihrer Talente durch die Eltern. Bereits mit 14 Jahren begann sie eine Ausbildung an der Folkwangschule in Essen und schaffte es 1959 mit einem Stipendium an die berühmte Juillard School in New York, wo sich ihr noch einmal völlig neue Welten öffneten.

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Regina Advento begeisterte die Besucher mit ihrer musikalischen Hommage. Foto: Daniela Tobias

Dass das heimische Publikum im Bergischen mit ihrer neu entwickelten tänzerischen Ausdrucksweise zunächst wenig anfangen konnte, ja sogar gewaltsamen Protest probte, konterte sie mit stoischer Gelassenheit, denn die Krise der menschlichen Kommunikation war für sie der stets beobachtete Normalzustand. „Die Musik ist sehr schön, sie können ja die Augen schließen,“ empfahl sie damals ihren Kritikern. Viele, die sich schließlich auf ihre präzise Fragestellung an die treibenden Kräfte der menschlichen Bewegung und Begegnung einließen, hat sie über Jahrzehnte tiefgreifend bewegt und geprägt.

Sehr persönlich wurde der Abend dann noch einmal, als Regina Advento den Song „See you“ vorstellte. Sie hatte ihn 2009 zusammen mit dem Pianisten Christoph Iacono auf einer Konzertreise in Polen geschrieben. „Das war an dem Abend, als wir erfuhren, dass Pina verstorben ist.“

Den Mitgliedern des Pina-Bausch-Freundeskreises, allen voran der Vorsitzenden Anne Grafweg, war die Erleichterung und der Stolz anzumerken, mit ihrem ersten abendfüllenden Programm „Pinas Reise“ so viele Gleichgesinnte erreicht zu haben und die Künstler mit stehenden Ovationen in die Nacht entlassen zu können.

Beobachtungen bei „Pinas Reise“ im Kunstmuseum Solingen fürs Solinger Tageblatt (22. Februar 2016)