Session Possible

Foto, Mensch, Text

Die erste Session Possible im neuen Jahr lief unter dem Motto „Feliz año nuevo“.

Alles fließt. Die ersten Klänge der Musiker ebenso wie die Aquarellfarbe von Régis Noël. Genauso wenig wie man aus den bunten Farbflecken, die sich auf dem Blatt verteilen, schließen kann welchen der Musiker der Künstler gerade portraitieren will, lässt sich aus dem Intro erkennen, welcher Song sich daraus entwickeln wird. Das Publikum in der Ohligser Festhalle grooved sich erwartungsfroh ein, versorgt sich mit Getränken, begrüßt alte Bekannte.

Wolf Codera und Irvin Doomes, hinten malt Regis Noel.

Auf der Leinwand, auf die ein Beamer Noëls Handbewegungen projiziert, sieht man wie mit einem Stift rasche Konturen aufgetragen werden. Die Silhouette des Bassisten Jorge „Cobre“ Jornet wird sichtbar, gleichzeitig steigt der Schlagzeuger Roberto Olori ins Set ein und Applaus brandet auf, als die Gäste Nancy Sinatras „These boots are made for walkin“ erkennen. Sängerin Brigitt Hernandez versprüht gute Laune, spielt sich ausgelassen die Bälle mit Gitarrist „Neirak“ Albert Arnau und Keyboarder David „Sam“ Samaniego zu.

Die Musiker kennen sich aus Barcelona, dem JazzSí Club Taller de Músics. Wolf Codera hat hier Jam-Sessions besucht und neue Talente für sein Programm in Deutschland gefunden. Latino-Rhythmen stehen an dem Abend dennoch nicht auf dem Spielplan, vielmehr scheinen die sechs Katalanen und Wahlspanier eine Vorliebe für Funk und Soul mitzubringen. Bei Sänger Irvin Doomes naheliegend, hat er doch bereits mit James Brown und Kool & the Gang zusammengearbeitet.

Improvisation ist Ehrensache bei der Session Possible. Der Spickzettel der Musiker hält nicht mehr als eine Reihe von Songtiteln bereit, aber selbst das interessiert im Zweifelsfall nicht. „Freestyle“-Nummern, verspricht Codera, gehen nicht von der regulären Spielzeit ab. „Man muss das verstehen. Die sind alle ohne Instrumente hier eingeflogen und müssen jetzt testen, was das Material hergibt.“

Régis Noël hat derweil bereits mehrere farbenfrohe Skizzen eingefangen, neugierige Zuschauer sammeln sich um seinen Maltisch. „Das Publikum in Ohligs kennt mich noch nicht so gut“, sagt der Künstler aus dem Südpark, der früher in der Schalterhalle am Alten Bahnhof Heimspiel hatte. „Jetzt brauche ich einen Fahrer, um nach Hause zu kommen“, bedauert er mit Blick auf sein Rotweinglas neben dem Farbkasten.

Des einen Leid ist der anderen Freud. Gundi Hübel-Dorn kann die neue Spielstätte als Ohligserin gut zu Fuß erreichen. „Ich bin seither öfter dabei und finde es ganz toll, wie viel Spaß am Spielen von den Musikern rüberkommt.“

Beispiel Irvin Doomes: Stimmgewaltig steigt er mit „My first, my last, my everything“ zuerst in den Barry-White-Basskeller um danach mit Wolf Coderas Sopran-Saxofonspiel bei einem Prince-Cover in Falsett-Höhen zu klettern. Purple rain, alles fließt.

(beobachtet am 1. Februar 2019 für das Solinger Tageblatt)