Warum es besser ist, nicht Justin Bieber zu sein

Wie es einen Musiker in dicker Schafwolle gekleidet von der Vulkaninsel im Nord-Antlantik ins Bergische Land verschlug und wie es dabei allen schnell heiß wurde.

„Sleeping pill“ würde sein Album „Amma“ im Altenheim genannt, in dem seine Freundin als Psychologin arbeitet, erzählt Svavar Knútur. Die ruhigen Songs des Isländers wiegen die Damen und Herren ohne pharmazeutische Nebenwirkungen in den Schlaf. Diesen Effekt erzielt man allerdings auch nur beim Abspielen einer CD, denn wenn der Troubadour mit Gitarre und Ukulele höchstselbst auf der Bühne steht, bleibt kein Auge trocken. Harmlos-tapsig wie der große Waldbär des von ihm verehrten Janosch wirkt er in seinen karierten Hosen und dem Wollpulli. Wo wir auch schon wieder bei seinen Ü30-Fans sind – eine alte Dame schenkte ihm den selbst gestrickten Pullover, damit er sich nicht erkälte bei seinen Konzerten im hohen Norden. „Als ich da war, war ich froh, nicht Justin Bieber zu sein.“ In Island ist Svavar ein bunter Hund und bei 300.000 Einwohnern mit einer Tour schnell einmal rum um die Insel. Logisch, dass das europäische Festland lockt, sogar Australien stand schon auf dem Tourplan.

Der Termin bei den Solinger Pfadfindern vom Stamm Silva kam spontan zustande. Eine Projektreise nach Island ist für den Sommer geplant, die Reisekasse soll mit außergewöhnlichen Aktionen aufgestockt werden, der ehemalige Scout Svavar Knútur hatte just noch einen freien Abend in seiner Deutschland-Tournee und sagte zu. Das Publikum im voll besetzten Gemeindesaal konnte der symphatische Plauderer aus dem hohen Norden vom ersten Lied an für sich vereinnahmen. Sehnsucht nach den Daheimgebliebenen, Kindheitserinnerungen an ein Birkenwäldchen oder Gedanken zu den Landschafts-Soundtracks beim Fahrradfahren mit iPod im Ohr fließen in seine Texte ein. „Katastrophische“ Fehler zu machen findet der Isländer übrigens produktiv: „Das Leben ändert anschließend seine Richtung, das ist etwas Gutes.“ Gedanken um die Hiobsbotschaften aus Japan und Libyen wälzt er nicht lange im stillen Kämmerlein und hat unterwegs ein Lied komponiert – „while the world burns“ – die Zuhörer werden schnell zum Chor.

Aber Hoffnung ist immer drin. Der Musiker erzählt beeindruckt von einem kurzen Auftritt in einem Altenheim, wo ein knurrender 90-jähriger ihn fast von der Bühne geworfen hat: „Er war frisch verliebt und wollte mit seiner Auserwählten Polka tanzen. Wenn ich in dem Alter auch noch so für meine Liebe kämpfen kann, mache ich mir keine Sorgen um die Zukunft.“ Zu Party-Musik hat den friedfertigen Barden mit der sanften Stimme bislang nur eine Horde Besoffener bei einem Besuch in Hamburg nötigen können. Seine Schilderung einer irrwitzigen Ralley durch die Hansestadt, Bon Jovi und The Prodigy auf der Ukulele zum besten gebend, bevor er sich mit einem Hechtsprung aus der U-Bahn vor seinen Verfolgern retten konnte, bringt zum Abschluss den Saal vollends zum Toben.

Zufriedene Gesichter bei den Besuchern, gesteigerte Vorfreude auf Island bei den Pfadfindern, ausverkaufte CDs und viele neue Einträge in Svavar Knúturs Gästebuch, einem Bilderbuch über Trolle. So geht ein Abend voller Überraschungen zu Ende.

http://svavarknutur.com/
http://stammsilva.de/

 

Dasselbe in Englisch (ungefähr…):

Why it’s better not to be Justin Bieber

How a musician from the north-atlantic volcano-island clothed in thick sheepwhool ended up in the Bergisch Land and how everyone is getting hot soon.

“Sleeping pill” they call his album “Amma” at the retirement home where his girlfriend works as a psychologist, tells Svavar Knútur. The calm songs of the Icelander lull the old people to sleep without any pharmaceutical adverse effect. However this effect only appears when listening to a CD, but when the troubadour with his guitar and ukulele is on stage spirits are running high. At first sight he looks harmless and clumsy like the big brown forestbear from Janosch (whom he adores) in his checkered trousers and woolen pullover. Which leads us again to his fans advanced in age – a dear old lady presented him the selfknitted pullover not to get a cold when giving concerts in the north. “When I was there, I was glad not to be Justin Bieber.” In Iceland Svavar is known all over town and with its 300.000 citizens a tour around the island is done quickly. So it figures that mainland European is waiting, even Australia has been on the tour plan.

The date with the Solingen scouts of tribe Silva came out spontaneously. A project-journey to Iceland is scheduled for summer, the vacation fund should be increased by extraordinary actions, the former scout Svavar Knútur just had a free night in his tour through germany and agreed immediately to come for a benefit concert. The taking conversionalist knew how to charm the full audience in the hall from the very beginning. Longing for the beloved at home, memories of childhood or thougts about the landscape-soundtrack while riding on a bike with iPod-music on your ears slip into his lyrics. By the way – to make “katastrophische” mistakes the Icelander finds prolific. “Life changes it’s direction afterwards, that’s something good.” He doesn’t get lost in thoughts about the bad news from Japan and Libya all on his own but composed a song on the way – “while the world burns” – the audience becomes a choir soon.

But hope is always possible. The impressed musician relates a story about a short gig in a retirement home where a growling 90-year-old nearly kicked him off the stage: “He was in love and wanted to dance Polka with his chosen one. If I will be fighting for my love like this at his age I don’t worry about the future.” Only once he was urged to play party-music by a sloshed bunch at Hamburg subway station. His narration of an absurd trip through town playing Bon Jovi and the Prodigy on his ukulele before finally getting rid of his crazy haunters by jackknifing out of the train starts the hall bursting.

Satisfied expressions on the faces of the visitors, enhanced anticipation about Iceland with the scouts, sold out CDs and many new inscriptions in Svavar Knúturs guestbook, a picture-book about trolls. That’s how an surprising evening ends.