Katastrophenübung
21. April 2010 | Keine Kommentare
Es riecht brenzlig, vor dem Eingang liegen Glasscherben und Schutt, aber den Knall hat keiner gehört. Die Gasexplosion in der Grundschule Mittelhaan wird für eine Katastrophen-Großübung von Feuerwehr, DRK, Malteser und THW aus Haan und Gruiten am Donnerstagabend nur angenommen.
Zerschlagene Tafeln, Lampen und Regalteile, die sich auf dem Schulhof türmen sind jedoch echt, denn das Gebäude an der Dieker Straße soll in den kommenden Tagen abgerissen werden. “Für uns ein willkommenes Übungsgelände, auch wenn wir mit den Glasscherben so nicht gerechnet hatten”, erklärt Kurt Knepper, Zugführer der Feuerwehr Haan.
Was sich am Tag zuvor noch besenrein präsentierte, ist nun ein fast realistischer Trümmerhaufen. Prompt erwischt es ein C-Rohr, das sich an scharfkantigen Gegenständen aufschlitzt. Die Wehrleute Stefan Longerich und André Marquardt müssen einen neuen Schlauch ansetzen, bevor sie als erster Trupp in das Gebäude vordringen. Gleich im Erdgeschoss finden sie zwei Leichtverletzte, die noch selber laufen können und an die Rettungshelfer des DRK übergeben werden.
Die beiden Feuerwehrmänner in ihren 15kg schweren Monturen samt Atemmasken wuchten inzwischen einen mit 88 Litern Wasser gefüllten Schlauch ins erste Obergeschoss, tasten sich mit Seilen gesichert durch den rechten Flügel, aber die Suche bleibt erfolglos. Für den anderen Flügel ist nach einem kritischen Blick auf den Druckmanometer nicht mehr genügend Sauerstoff vorhanden, sie müssen den Rückzug antreten. Der Schlauch bleibt liegen, als Anhaltspunkt für die Kollegen. “Mehr als 20 Minuten sind nicht drin”, erläutert Stefan Longerich atemlos, nachdem er die Maske abgenommen hat. Der Schweiß steht beiden Männern im Gesicht. “Dazu muss man sich eigentlich noch mehrere 100°C heißes Feuer vorstellen.”
Celine Erven liegt derweil zitternd auf einer Bahre. Die 12-jährige simuliert jedoch keinen Schock, sondern friert schlichtweg im Freien. Die Rettungshelfer des DRK, die sie zuvor noch kunstvoll zum Opfer geschminkt haben, besorgen eine Decke, beruhigen sie und fragen nach Name und Wohnort. Celine ist ebenso wie Sezer Göc Mitglied der Jugendfeuerwehr. Der Sechstklässler wird von Rettungshelferin Sylvia Zelder mit Smalltalk über Schule und Hobbies abgelenkt, während ihre Kollegen seinen gebrochenen Knöchel in eine Vakuumschiene legen. Insgesamt müssen sie an diesem Tag 8 Verletzte erstversorgen, außerdem bergen die Retter drei Tote.
Einsatzleiter Mirko Braunheim erklärt nach etwas über einer Stunde die Übung für die 100 Einsatzkräfte als erfolgreich abgeschlossen und beordert alle Teilnehmer zur Nachbesprechung in die Feuerwache: “Direktes Feedback an die Mannschaft und die Gelegenheit Fragen zu stellen, sind unheimlich wichtig.” Bis auf einen kleinen Übermittlungsfehler ist er voll zufrieden mit der Koordination und dem Engagement der hauptsächlich freiwilligen Helfer. Die letzte Großübung fand vor zwei Jahren statt, kleinere Übungen müssen jährlich durchgeführt werden. “Im Ernstfall wären die vielen Freiwilligen tagsüber natürlich nicht so einfach verfügbar, da gibt es dann Einsatzpläne auf Kreisebene der Berufsfeuerwehr”, so Braunheim.
Seltsame Gefühle überkamen indes nicht nur ihn beim Betreten der Klassenräume, in denen er früher selbst die Schulbank drückte. An einen realen Einsatz, bei dem Kinder zu Schaden kommen, möchte man beim Anblick eines vergessenen Bildes aus dem Kunstunterricht, das unter einem Berg von zerstörten Regalen hervorschaut, schon gar nicht denken. Stefan Longerich steht mit seinen Kameraden an einer Tischtennisplatte und trinkt Wasser. Für diesen Abend reichen glücklicherweise zwei Liter Flüssigkeit, um wieder ins Gleichgewicht zu kommen.
(Beobachtungen vom 21.04.2010 für den Haaner Treff, Fotos + Text: Daniela Tobias)
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